GIL,
Sehen und Gesehenwerden

 

Die Verschneidung extrudierter Flächen bestimmt den Raum

Mode spielt immer mit Manövern des „Sehen und Gesehenwerdens“. Das Modegeschäft GIL von propeller z richtet der Mode einen weitgehend transparenten „Schauraum“ ein, der den modischen Hang zum Voyeurismus kultiviert und lustvoll inszeniert. Die vollflächige Glasfassade öffnet das zweigeschossige Lokal zur stark frequentierten Mariahilferstrasse, die mitunter selbst wie ein urbaner Laufsteg wirkt, und senkt die Schwellen zwischen Strassen- und Geschäftsraum auf ein besonders hierzulande ungewöhnliches Minimum. Die Gestaltung des Geschäftslokals forciert allerdings nicht nur den Austausch zwischen Innen- und Aussenraum, sondern leitet den Blick/den Besucher zugleich in vertikale Richtung: Der relativ kleine Erdgeschossbereich wurde nach oben und zur Strasse hin vollständig geöffnet. Der dem zweigeschossigen Bereich vorgesetzte Fassadenteil verschneidet sich mit der (durch eine Bespielung mit einem Punktraster differenzierten) Verglasung des Obergeschosses, was den räumlichen Zusammenhang erstmals schon von aussen ablesbar macht. Die verrundete Wandfläche um den Eingangsbereich verschneidet sich wiederum mit der Raumhülle des Obergeschosses. Im Bereich dieser Verschneidung spannt sich eine Brücke, die den Weg durch das Obergeschoss zu einem Rundgang schliesst. Ein schlanker Bügel aus Rundrohr, dessen Form die Eingangssituation zusätzlich akzentuiert, trägt die Last des darüberliegenden Gebäudes ab. Eine filigrane, freitragende Treppe führt in die grosszügigen Verkaufsbereiche im Obergeschoss. Hier, in den beiden flankierenden Haupträumen, geht der Boden weich und im selben Material, einem warmgrauen Linoleumbelag, in die Wand und weiter in die Decke über.

Grundriss

Diese Schalen bieten den Kleidungsstücken auf in ihrem Scheitel verlaufenden Kleiderstangen einen beruhigten Hintergrund. Die beiden Haupträume sind über Korridore verbunden, deren Wände durch Buchten aus hochglänzenden Polyesterformteilen erweitert werden, in denen liegend Ware präsentiert wird. Seitlich an die Korridore sind auch die Umkleiden angeschlossen, die ebenfalls aus industriell vorgefertigten Polyesterhalbschalen aufgebaut sind. Die Möblierung wurde von propeller z eigens für den GIL-store konzipiert und gehen in der Kombination aus Display-, Ablage- und Sitzflächen bei der Präsentation von Mode neue Wege. Die industriellen Materialien und Oberflächen gehen hier mit den Texturen derKleidungsstücke einen kontrastreichen Dialog ein. Das Phänomen Mode geht längst über Kleidung hinaus und verbindet sich zunehmend mit anderen Bereichen der Gegenwartskultur wie Photographie, Film, Graphic-Design und Musik. Mit seinen zusätzlichen features wie einer kleinen Bar, einem anspruchsvollen Soundsystem (samt einem Sortiment an ausgesuchten, ebenfalls verkäuflichen CDs), und einer zentral positionierten Projektionsfläche als Schauplatz für visuelle Experimente trägt der GIL-store dieser Entwicklung selbstverständlich Rechnung. Massgeblich unterstützt von einem Farbkonzept, das ein fast fluoreszierendes gelbgrün mit Grau- und Weißtönen kombiniert, entstehen Raumatmosphären, die für ein neues Klima des Kaufens und Verkaufens sorgen.

Architektur gehört schon lange zu den wichtigsten Komplizen der Mode. Das Modegeschäft GIL von propeller z beweist diese gerade in Wien gut bekannte Tatsache erneut: Völlig auf der Höhe der Zeit und mit Spielraum für die Zukunft. 

Text  Christian Muhr


Ort  Wien 6

Jahr  1999

Fotos  Margherita Spiluttini

Grafiken  propeller z